20. Hermann Röchling: Ehre, wem Ehre nicht gebührt
Er schickte Tausende in Sklaverei und Tod. Dennoch wird ihm nach dem Krieg eine einmalige Ehre zuteil …

Hermann Röchling, wie er sich am liebsten sah: Der nette Großindustrielle von nebenan im Kreise der dankbaren Arbeiterfamilien.
Hermann Röchling, den Chef des Völklinger Stahlwerks, haben wir schon in einer früheren Folge kennen gelernt: Er kämpfte als Kopf der »Deutsch-Saarländischen Volkspartei« für den Anschluss des Saarlandes an das Reich (vgl.: »11. Heim ins Reich – Nur nicht gleich!«).
Tipps für Hitler
Direkt nach der Wiedervereinigung tritt er in die nationalsozialistische Partei ein und unterstützt als »Wehrwirtschaftsführer« und später »Oberster Beauftragter für Eisen und Stahl in den besetzten Gebieten« Hitler bei seinen Eroberungsfeldzügen. Für beide die ideale Symbiose: Hitler braucht Unmengen von Waffen – Hermann Röchling kann sie ihm verkaufen. Plus: Hitler kann Röchling die – seit dem Anschluss verbaute – Möglichkeit verschaffen, wieder günstig an französisches Eisenerz zu kommen. Röchling gibt Hitler daher Tipps, welche Gebiete mit Eisenerzvorkommen und Stahlindustrie am besten dem Reich anzuschließen seien. Außerdem ermuntert er Hitler, endlich die Sowjetunion zu überfallen. Bereits 1936 drängelt er:
»Im Osten steht Russland mit seiner kommunistischen Staatsauffassung und der Gottlosenlehre im schärfsten Gegensatz zum nationalsozialistischen Deutschland, das ihm den Weg zur Weltrevolution versperrt. [...] Es ist nicht zu sehen, worin die Möglichkeit bestehen sollte, den Entscheidungskampf zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus zu vermeiden.«
Der typisch saarländische Stahl-Patriarch
Röchlings Ingenieure erfinden fleißig neue Waffen für Hitler. Die betonbrechende »Röchling-Granate« und die von Röchling liebevoll »Fleißiges Lieschen« genannte Langstreckenkanone V3 verbreiten in ganz Europa Terror und Tod. Für seine Untergebenen gibt Hermann Röchling den typisch saarländischen Stahl-Patriarchen, der mit gestrenger Hand gewerkschaftliche oder gar frankophile Umtriebe unterbindet und gleichzeitig mit sozialen Einrichtungen und günstigen Bau-Krediten seinen Arbeitern ein väterlicher Fürsorger ist.
Sklaven auf Antrag
Als während des Krieges in den Stahlwerken Arbeitskräftemangel herrscht, hat Hermann Röchling wieder eine Idee: Kriegsgefangene aus Osteuropa sollen die an der Front befindlichen Stahlarbeiter ersetzen. Zehntausende Arbeitssklaven aus der Sowjetunion und anderen Ländern werden in Güterzügen ins Saarland verfrachtet und schuften in Hütten und Gruben. Doch nicht nur die Industrieanlagen profitierten von der billigen Arbeitskraft: auch saarländische Handwerksbetriebe können auf schriftlichen Antrag einen Sklaven zugeteilt bekommen.
Da sich die Motivation der neuen Arbeiter verständlicherweise in Grenzen hält, lässt Röchling in Köllerbach ein Straflager für »widerspenstige Fremdarbeiter« errichten. Hier werden Arbeiter, die nicht spuren, schikaniert und misshandelt. Den Tod zahlloser Sklaven nimmt Röchling dabei billigend in Kauf.
Keine Reue

In der
Nach der Besetzung des Saarlandes durch Amerikaner und Franzosen im Jahr 1945 hält es Hermann Röchling für angebracht unterzutauchen. Nach anderthalb Jahren im Untergrund wird er schließlich von den Franzosen aufgestöbert und vor Gericht gestellt. Hermann Röchling bereut im Grunde nichts, höchstens dass man vielleicht hie und da ein wenig über die Stränge geschlagen habe. Er wird wegen »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt.
Hiermit könnte die traurige Geschichte von Hermann Röchling zu Ende sein. Ist sie aber nicht, denn es kommt noch doller! Die Verurteilung Röchlings führt zu einer erstaunlichen Reaktion aus dem Saarland: 111 Pensionäre der Völklinger Hütte bieten sich an, die Strafe nacheinander für »ihren« Papa Röchling zu verbüßen (was juristisch gesehen natürlich völliger Unfug ist). Auch die saarländische Regierung setzt sich für eine Freilassung ein. Als schließlich sogar Monsieur Gilbert Grandval (Frankreichs Statthalter im Saarland) zustimmt, kommt Röchling nach nur 5 Jahren Haft frei – allerdings mit der Auflage, das Saarland nie wieder zu betreten. Röchling zieht zu seiner Familie, die das Saarland direkt nach dem Krieg verlassen hatte, nach Mannheim, wo er 1955 im Alter von 82 Jahren entschlummert.
Die Hermann-Röchling-Höhe

Kaum zu glauben, aber wahr: Nach Hermann Röchling wurde gleich eine ganze Ortschaft benannt.
Und immer noch ist die Geschichte nicht zu Ende: Ende 1955 wählen die Saarländer eine prodeutsche Koalition in die Regierung, die im Saarland eine deutschnationale Rolle rückwärts startet. Eine ihrer ersten Amtshandlungen ist es, die Völklinger Hütte der Familie Röchling zurückzugeben. Kurz danach benennt der Völklinger Stadtrat die Siedlung »Bouser Höhe« in »Hermann-Röchling-Höhe« um – eine in westlich-demokratischen Staaten ungewöhnliche Ehre.
1994 wird Röchlings inzwischen stillgelegte Hütte von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Noch heute steht das Denkmal des Völklinger Ehrenbürgers Röchling auf der Hermann-Röchling-Höhe – Ehre, wem Ehre nicht gebührt …
- Weltkulturerbe Völklinger Hütte
- Röchlings Erben produzieren inzwischen Kunststoff
- Bleibt ein Kriegsverbrecher der Namenspatron? (Rundfunk Berlin-Brandenburg)


24. August 2007 um 18:24
Wann kommt der nächste artikel?
09. Dezember 2007 um 14:54
hi alle ich bin nur zufelieg hir zugestosen aber ich bin des adobtive kind von helga Röchling die ehe frau fon hermann was hat hemann so gemacht im weltkrieg
26. Dezember 2007 um 18:51
Hallo
Ich habe den Artikel Herman Röchling gelesen!
Danke für die informative Seite!
Was ich nicht verstehe das sie als Deutsche über deutsche Urteilen! Was hätten sie im Krieg gemacht???
Wiso wird nicht über die IBM geschrieben? Die für Hitler Lochkarten (sozusagen die ersten Computer) entwickelten um die erfassung und vernichtung der Gefangenen voranzutreiben? Wiso wird IBM da nicht zur rechenschaft gezogen?
grüsse
27. Dezember 2007 um 23:33
Dazu eine Geschichte: Kommt ein Mann in die Kneipe mit einer Ente unter dem Arm. Sagt ein Gast: “Hör mal, wieso hast du ein Schwein dabei”. Sagt der Mann mit der Ente: “Das ist kein Schwein, das ist eine Ente” Sagt der Gast: “Ich hab mit der Ente geredet.” Nette Story die uns wohl folgendes sagen will: Die Personen die in Wirtschaftskriegen die Fäden ziehen sind beliebig austauschbar. Nach den Kriegen werden Generäle und Elite verschont während das Fußvolk zu Reparationsarbeiten herangezogen wird und in der Kriegsgefangenschaft verrecken darf.
28. Januar 2008 um 02:27
antwort an raphi
..wie sie als mensch über menschen urteilen. da gibt es so viele geschichten… und irgendwann sind alle erzählt. über die ig farben, und die reichsbahn…immer eine geschichte mehr. geduld. und daß keine je vergessen geht..
(heute ist der jahrestag der befreiung von auschwitz-dank der roten armee.)
17. Mai 2008 um 16:07
Bitte teilen Sie mir mit, wo man die Sarre-Aufkleber erhalten kann oder an wen ich mich wenden kann.
Danke
13. Juni 2008 um 11:41
Durch Zufall gelangte ich auf Ihre Seite. Historisch sehr interessant und wertvoll, was da so zu lesen ist.
Zu dem Thema Röchling noch eine Ergänzung: Es gibt in Völklingen heute noch einen Fußballverein, der sich “Röchling Völklingen” nennt und in den unteren Klassen herumdümpelt. Auf meine Anfrage an den Verein, warum man sich heute noch mit einer solchen Vergangenheit im Namen belastet, erntete ich nur Unverständnis.
Ich denke, dass sich hier in Völklingen die jüngeren Generationen überhaupt nicht über die Rolle von Röchling in der Nazizeit im Klaren sind. Ist es ein Zufall, dass heute gerade hier sogar die NPD im Stadtrat sitzt??
17. Juni 2008 um 18:34
Am 17. Juni hat das ZDF (“Heute”) junge Menschen nach der Bedeutung dieses 55-jährigen Jubiläums (17. Juni 1953) gefragt, und ein etwa 16-18-jähriges Mädchen antwortete fragend: “Der Fall der Mauer?”.
Ist Röchling nicht ein Völklinger Stadtteil oder ein Heimatmaler oder ein verstorbener populärer Bürgermeister. Oder ganz einfach der Mäzen, der den Fussballverein sponsorte?
01. Juli 2008 um 23:25
Zur Benennung des Stadtteils “Hermann Röchling Höhe ” gilt es zu erwähnen, dass dieser ohne Hermann Röchling gar nicht entstanden wäre, denn dort wurden in den dreissiger Jahren kleine Siedlungshäusschen gebaut um den Arbeitern ein menschenwürdiges Zuhause zu geben. Die Verbrechen des H. R. wurden bei der späteren Namensgebung wohl geflissentlich ignoriert.
Anmerkung am Rande: Auch hier war der Saarländer wieder störrisch, ich kann mich noch gut an den inneren Wiederstand der Bewohner errinnern den Stadtteil anders als “Bouser Höh” zu nennen…..
30. November 2008 um 18:00
Ist eigentlich Hitler tatsächlich noch Ehrenbürger von VK, wie immer mal wieder zu lesen ist? Auf den offiziellen Seiten der Stadt habe ich dazu (natürlich) nichts gefunden.
30. November 2008 um 18:29
Zur Hitler-Ehrenbürgerschaft von Völklingen kenne ich keine abklopfbaren Quellen. Ehrenbürgerschaften, die in der NS-Zeit verliehen wurden, würde ich nicht zu hoch bewerten. Laut http://de.wikipedia.org/wiki/Ehrenbürger gilt auch die Rechtsauffassung, dass diese ohnehin mit dem Tode erlischt.
Viele Grüße von Zippo!
20. April 2009 um 22:42
Traf auf Otto Wehr, ev. Pfarrer u.Mitglied d. Bekenneden Kirche. Was mich verwirrt: auf der Seite d.”Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon” lese ich: “Der DC[Deutsches Christentum]-Gauleiter Gustav Adolf Müller hatte einen Feind in [...]Bürckel.Die ev. Pfarrerschaft nutzte diesen Konflikt und schlug sich auf Bürckels Seite. Es wird vermutet, daß der Großindustrielle Hermann Röchling den Kontakt der Pfarrerschaft zu Bürckel vermittelt hat.”
DASS Röchling das tat, verwirrt mich nicht so sehr, wie die Tatsache, daß anscheinend Wehr – so jedenfalls mein lesen – trotz “Bekennender Kirche” sein Kontra zu “Höschen”Müller offenbar höher einstufte, als dessen Kontra zu Bürckel und sich naht- und namenlos in die “ev.Pfarrerschaft” einreihen lassen müsste.
15. Juli 2010 um 16:55
[...] nur eines, das darauf hinweist, daß Röchling bei den Herrschenden mehr als wohlgelitten war. Andere Quellen sind deutlicher: Röchling war früh schon NSDAP-Mitglied, enger Vertrauter Hitlers, und er [...]