7. Die vergesslichen Franzosen

Meer
Die Saarländer bekommen Zugang zur Nordsee

Die Franzosen ziehen ab und vergessen jemanden. Und die neuen Herren an der Saar scheffeln reichlich Kohle …
Nach Napoleons Niederlage beraten 1815 die Mächtigen über die neue Landkarte Europas: Erst einigt man sich darauf, das Saarland bei Frankreich zu belassen, bei neuen Verhandlungen muss Frankreich jedoch auf die Saar verzichten und bekommt dafür das Elsass und ein saarlandloses Lothringen. Die Einwohner der jeweiligen Länder werden natürlich nicht gefragt. Dieser »Zweite Vertrag von Paris« ist ein weiterer Schritt zum Saarland, wie wir es heute kennen: Die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich verläuft jetzt nämlich erstmals dort, wo sie auch heute (wieder) ist.

Ein Dorf auf der Grenze

Doch die teilweise willkürlich erscheinende neue Grenzziehung sorgt für Irritationen: Ebenso überrascht wie entsetzt sind die Einwohner des Dorfes Leidingen darüber, dass die deutsch-französische Grenze nun mitten durch ihr Dorf verläuft. Doch nach der anfänglichen Verwirrung beschließen die Leidinger einfach die Grenze zu ignorieren und an ihrem gemeinsamen Dorfalltag festzuhalten. Erst 1939 wird auf der französischen Seite eine eigene Kirche eingeweiht werden – als bewusster Akt der Distanzierung von Nazi-Deutschland.

»Am hällen Dach
metten of da Gass
han aich de Grenz gefonn.
Wat hòtt dii dòò valooa
valooa?«

Am helllichten Tag
mitten auf der Straße
hab ich die Grenze
gefunden.
Was hatte die da
verloren?

En plein jour
au beau milieu de la route
j’ai trouvé
la frontière.
Qu’y avait-elle
perdu?
Alfred Gulden

Die Franzosen ziehen also ab und das Saarland wird aufgeteilt zwischen den beiden deutschen Staaten Preußen und Bayern – bis auf einen winzigen Teil im Norden, der nun sozusagen einen Zugang zum Meer bekommt: Die Grafschaft »Birkenfeld« wird nämlich als Enklave dem Großherzogtum Oldenburg zugesprochen.

Dabei darf man sich die damaligen deutschen Staaten nicht wie die heutigen Bundesländer vorstellen: Sie waren autonome Gebilde mit Zollgrenzen, bewachten Grenzübergängen, eigener Währung und sogar eigenen Maßen und Gewichten.

Ein braver Franzmann

Soldat Lacroix
Als Bronzemann hält Lacroix noch immer Wache in Saarlouis (Foto: Stadtarchiv Saarlouis)

Auch Sarre-Louis wird nun erstmals deutsch. Beim Abzug aus der Festung vergessen die Franzosen allerdings einen ihrer Soldaten: Als die Preußen die Stadt übernehmen wollen, schiebt er weiterhin unverzagt Wache. Der Mann, der als »der brave Soldat Lacroix« in die Geschichte (oder besser »in die Geschichten«) eingehen sollte, wird zunächst verhört. Doch es stellt sich schnell heraus, dass Meister Lacroix weder Spion noch Saboteur ist, sondern einfach eine Kombination aus Dienstbeflissenheit und schlichtem Gemüt.

Die Preußen sind von der Standhaftigkeit des Mannes derart beeindruckt, dass sie ihn mit Proviant, Pfeife und Tabak ausstatten, bis zur Grenze eskortieren und seinen abgezogenen Kameraden hinterherschicken. Die Sarrelouiser küren später den braven Franzmann zu ihrem Maskottchen und setzen ihm ein Denkmal.

Adieu Sarre-libre!

Während im bayrischen Teil des Saarlandes viele freiheitliche Errungenschaften der französischen Revolution beibehalten werden, ist es im preußischen Teil nun vorbei mit dem Sarre-libre.

Für Preußen ist das Saarland sowohl eine Goldgrube als auch wichtige Ressource für die Aufrüstung zur europäischen Militärmacht. Die bereits im 18. Jahrhundert begonnene Industrialisierung wird forciert, die Landesverwaltung und die Aufsicht über die Gruben preußischen Beamten unterstellt.

Die gigantischen Gewinne des reichen Landes fließen nach Berlin und in die Taschen der Stahlbarone, während die saarländischen Arbeiter in Armut leben. Aufkeimende Proteste und Streiks werden von den preußischen Truppen rücksichtslos unterdrückt.

Zum Erstaunen der bürgerlichen Presse engagieren sich auch die saarländischen Frauen im Kampf der Bergarbeiter:

»Eine ganz neue Erscheinung in dem Ausstande ist die Betheiligung der Frauen. (…) Es sind die reinsten Furien, alte und junge Mütter reizen Gatten und Söhne zum Ausstand an und entfalten eine agitatorische Thätigkeit, die ihres Gleichen sucht… Überall im ganzen Gebiete ziehen die Frauen jedes Alters mit in die Versammlungen und höhnen und schmähen in den gemeinsten Ausdrücken die arbeitswilligen Bergleute und deren Frauen«
Kölnische Zeitung

Viele freiheitlich gesinnte Saarländer flüchten in den bayrischen Teil des Landes. Die Bayern werden nicht so sehr als Besatzer wahrgenommen (auch wenn die wirtschaftliche Situation der Arbeiter nicht besser ist) und noch heute wird auf Volksfesten im ehemaligen bayrischen Teil des Saarlandes gelegentlich die weiß-blaue Flagge gehisst.

Lesen Sie in der nächsten Folge am 5. Juni »Die Saarländer entdecken das Bier«

3 Gedanken zu „7. Die vergesslichen Franzosen“

  1. Gerade habe ich die neueste Folge gelesen, dann die wunderschönen Fotos von Saarbrücken durchgeblättert und schließlich die Fotoserien der lovely and talented Christina H. gefunden. Jetzt ist mir ganz nostalgo-melancholisch zumute und ich muß mich im regnerischen Frankfurt mit einem doppelten Glenmorangie trösten. Na herzlichen Dank!

  2. Habe gerade die komplette Seite durchgestöbert …. Asche über mein Haupt – ich bin nicht früher dazu gekommen. Wenn ich gewusst hätte, WIE gut die ist ….

    Da ich ja in einem ehemaligen Besatzergebiet beruflich viel unterwegs bin, um den sogenannten AUFBAU SÜD zu demonstrieren, werde ich den BAJUVAREN jetzt auch noch die adäquate saarländische Geschichte beibringen können … damit wird der Weißwurschäquator noch kultivierter 🙂 …

    … und ich muss nicht immer erklären, was und wo das Saarland isch ….

    jetzt gibts einfach eine Internetadresse … lesen werd´ns ja noch kinnen, die Bayern, net?

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