11. Heim ins Reich – Nur nicht gleich!

Oder: Wer kriegt den Schlüssel zur Ludwigskirche?

Hitler kommt an die Macht. Und die Saarländer sind verwirrt …

Hitler in die Ludwigskirche?
Darf der da …                                     … da rein?

Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler zum Kanzler des deutschen Reiches ernannt. Und die Saarländer sind sich auf einmal gar nicht mehr so einig. Bis zu diesem Datum war klar, dass man von der Quasi-Kolonialherrschaft Frankreichs die Nase voll hatte und sich bei der anstehenden Volksabstimmung für den Anschluss an Deutschland entscheiden würde. Aber sollen die saarländischen Parteien immer noch für die Rückkehr in ein Deutschland werben, in dem Hitler alle anderen Parteien verboten hat? Sollen die Katholiken den antikatholischen Hitler wählen, die Sozialdemokraten den antisozialdemokratischen, die Liberalen den antiliberalen, die Kommunisten den antikommunistischen Hitler?

Die Antwort lautet: – – Ja. Die saarländischen Parteien halten kurz inne, machen dann aber weiter wie bisher. Die Kommunisten tönen gar völlig hirnfrei: »Zurück zu Deutschland, und wenn’s ins KZ geht!«. Einzig eine Gruppe, die sich unter der Führung des Journalisten Johannes Hoffmann von der katholischen Zentrumspartei abgespalten hat, verkündet eine neue Maxime: Anschluss an Deutschland: Ja – aber nicht sofort, sondern erst wenn Hitler wieder abgesetzt ist und im Reich wieder Demokratie und Freiheit herrschen. Oder kurz: »Heim ins Reich – nur nicht gleich!« Bis es soweit ist (Hoffmann & Co hoffen auf ein baldiges Ende des Nazi-Spuks), sollen die Saarländer den »Status quo«, also die Fortsetzung der Völkerbundsverwaltung, wählen.

Ein Anschluss an Frankreich steht jedoch auch bei den Hitler-Gegnern nicht zur Debatte. Die Saarländer trauen nach den vergangenen Erfahrungen den Franzosen nicht zu, dass sie die Kultur und Sprache der Saarländer respektieren würden.

Promis mischen sich ein

»Das Saarland den Saarländern!« – Die Franzosen werben mit geologischer Logik:
Alle Flüsse im Saarland fließen in die Mosel, während die deutschen Flüsse in den Rhein fließen. Die Wasserscheide (»Ligne de partage des eaux«) trennt also Deutschland und das Saarland.
Leider wird die schöne Logik dadurch zerstört, dass die Mosel ebenfalls in den Rhein fließt …

Aber auch die Deutschen bemühen sich um »wissenschaftliche Beweise« für die Zugehörigkeit des Saarlandes zu Deutschland – mit Hilfe der eigens gegründeten Frankfurter »Saar-Forschungsgemeinschaft«.

Während Hitler im Reich eine Terrorherrschaft errichtet, wird das Saarland zum letzten freien Zipfel Deutschlands. Für Hitlergegner, Politiker, Schriftsteller, Intellektuelle aus dem ganzen Reich wird das Saarland zum Zufluchtsort. Bertolt Brecht fordert mit seinem Lied »Haltet die Saar, Genossen!« die Saarländer zum Votum gegen Hitler auf (»Das Deutschland das wir wollen / Muß ein anderes Deutschland sein.«). Kriegsberichterstatter Robert Capa (später durch seine Foto-Dokumentation der Kriege in Spanien und Vietnam berühmt) dokumentiert die gespannte Lage an der Saar. Auch die Schriftsteller Heinrich und Thomas Mann, Kurt Tucholsky, Filmregisseur Max Ophüls sowie der Künstler John Heartfield werben für den »Status Quo«. Die noch freie saarländische Presse und die zahlreichen Flüchtlinge aus dem Reich berichten von den Verbrechen Hitlers.

Wir schlagen Hitler an der Saar!

Anti-Hitler-Flyer
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Saarländer gegen Hitler: Ein Pro-”Status quo”-Flyer appelliert an die Vernunft mit erschreckend realistischen Warnungen.

Soviel auch zum Thema »Das hammir doch sellemols alles garnet gewisst!«.

Die neue Situation führt inzwischen auch bei Sozialdemokraten und Kommunisten zur Einsicht, dass ein Saarland unter Naziherrschaft in keiner Weise wünschenswert sein kann und sie schließen sich 1934 mit Hoffmanns Katholiken zur »Einheitsfront« zusammen. Kopf der Einheitsfront wird der erbitterte Hitler-Gegner und Sozialdemokrat Max Braun. Enthusiastisch und optimistisch verkündet er das neue Motto: »Wir schlagen Hitler an der Saar!« Besonders eifriger Kämpfer der saarländischen Kommunisten gegen den Wiederanschluss ist übrigens ein gewisser Erich Honecker.

Nazis ziehen die Fäden

Deutsch ist die Saar
Auch damals tat man schon mit badges und buttons seine politische Meinung kund.

Bereits ein Jahr zuvor haben sich die Pro-Anschluss-Parteien – also das katholische Zentrum, die Nationalsozialisten und die kleineren nationalen und liberalen Parteien – zur »Deutschen Front« (DF) zusammengeschlossen. Die Deutsche Front darf sich über massive Propaganda-Unterstützung aus dem Reich freuen. Obwohl die Nationalsozialistische Partei (NSDAP) im Vergleich zur Volkspartei »Zentrum« nur ein kleines Licht ist, übernimmt sie dank ihrer besten Connections zum Reich bald die inoffizielle Führungsrolle in der »Deutschen Front«. Nach außen tritt die DF jedoch mit einer bürgerlich-katholischen Führungsriege aus angesehehenen Unternehmern und Geistlichen auf. Von Berlin aus unterstützt der saarländische Nationalsozialist Heinrich Schneider die Aktionen der Deutschen Front (Schneider wird uns 20 Jahre später noch einmal begegnen …).

Das Leitmedium “Saarbrücker Zeitung” wird von Nazis unterwandert und zur Stimme der Deutschen Front umgebaut. Die ohnehin schon national angehauchten saarländischen Turn- und Gesangsvereine werden mit großzügigen Zuschüssen bedacht für sogenannte »Saarkundgebungen« – Massenspektakel der »vaterländischen Treue« – und für Vereinsfahrten ins Reich. Die Vereine erweisen sich dankbar, indem sie »unpatriotische« Mitglieder rauswerfen.

Drei Vaterunser für das Vaterland

Desweiteren kann die Deutsche Front auf zwei mächtige Unterstützer setzen: Die Kirche und der Stahlbaron. Der Völklinger Industrielle Herrmann Röchling hat in den vergangenen Jahren mit Hilfe von national gesinnten Kreditgebern aus dem Reich allen Übernahmeversuchen der Franzosen getrotzt. Nun setzt er massiv seine Arbeiter unter Druck und droht nach alter Tradition des Königs von Saarabien mit Entlassung bei politisch unliebsamen Äußerungen (vgl. Folge 9 »Der König von Saarabien«). Währenddessen fordert der Trierer Bischof Franz Rudolf Bornewasser, von der Angst getrieben mit dem Saarland den größten Teil seines Bistums zu verlieren, in einem Hirtenbrief seine Schäfchen auf, für den Anschluss an Deutschland zu stimmen.

Zwar wagen es die saarländischen Geistlichen nicht, ihrem Chef öffentlich zu widersprechen, dennoch gibt es auch vereinzelte Gottesdiener, die sich angesichts der Verbrechen Hitlers für den »Status quo« einsetzen.

Die Bischöfe im Reich setzen derweil auf die Kraft des Gebets:

»Als deutsche Katholiken sind wir verpflichtet, für die Größe, die Wohlfahrt und den Frieden unseres Vaterlandes uns einzusetzen. Deshalb verordnen wir, dass an genanntem Sonntag in allen Kirchen nach dem allgemeinen Gebet 3 Vaterunser und Ave Maria mit den Gläubigen gebetet werden, um einen für unser deutsches Volk segensreichen Ausgang der Saarabstimmung zu erflehen.«

Katholik Hoffmann setzt dagegen:

»Wir wollen das Saarvolk nicht der brutalen und frivolen Gewalt Hitlers ausliefern. Zu diesem Regime uns zu bekennen, das den guten Namen Deutschlands schändet, täglich schändet, das lehnen wir ab mit aller Entschiedenheit.«

Doch die Stimme der Vernunft hat es nicht leicht: Überall werden die »Status-Quoler« verspottet, geschnitten, ausgegrenzt und ausgeschlossen, beleidigt, als »Verräter« gebrandmarkt und mit »Abrechnung« nach der Abstimmung bedroht.

Hitler auf Wahlkampf-Tour

Treuekundgebung
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Hitler weiß wie man eine fetzige Wahlkampf-Veranstaltung aufzieht.

Während die Franzosen das Interesse am Saarland anscheinend verloren haben, geht Hitler auf Wahlkampf-Tour. Zwar darf er nicht ins Saarland einreisen, inszeniert aber im Grenzgebiet »Treuekundgebung« genannte Massenspektakel speziell für die Saarländer. Höhepunkt ist die Treuekundgebung in Koblenz, zu der 200 000 Saarländer (= fast ein Viertel der Bevölkerung) in 56 Sonderzügen herangekarrt werden, um ihrem künftigen Führer zuzujubeln. Wohl wissend, dass man die bieder-katholisch-konservativen Saarländer nicht mit martialischen »Blut und Boden«-Sprüchen und germanischem Mystik-Schmuh ködern kann, gibt sich Hitler ganz friedsam, lobt das Christentum und bezeichnet das Saarland als die »einzige Territorialfrage zwischen Frankreich und Deutschland«.

»Der Hitler, der jemals die Saar bekäme, bliebe an der Saargrenze nicht stehen, sondern mit dem Schlüssel der Ludwigskirche würde er den Versuch machen, in das Straßburger und Metzer Münster einzudringen.«
Max Braun, saarländischer Chef-Sozialdemokrat

Lesen Sie in der nächsten Folge am 10. Juli: »13. Januar: Der Tag als die Saarländer ziemlich dumm waren«

8 Gedanken zu „11. Heim ins Reich – Nur nicht gleich!

  1. Volker

    John Heartfield war sicher ein sehr produktiver Künstler; aber als Bildhauer ist er völlig unbekannt. Wikipedia über ihn: “deutscher Maler, Graphiker, Fotomontagekünstler und Bühnenbildner.”
    Die Serie gefällt mir gut; knapp und knackig auf den Punkt!

    Antworten
  2. Zippo

    Hallo Volker!
    Danke für den Hinweis! Da bin ich wohl einer Fehlinformation aufgesessen!
    Habe die Angabe geändert.
    Viele Grüße von Zippo

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  3. Coriolan

    Gottseidank haben sich die Zeiten geändert. Die Leute wollen heute nicht mehr ‘Heim ins Reich’, sondern ‘Reich ins Heim’ !

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  4. Karina Kaiser

    Sehr geehrte Damen und Herren

    Koennen Sie mir bitte mitteilen ob ich das Bild des Symboles derSaarabstimmung (sieht aus wie eine Anstecknadel) in meinem Buch als
    geschichtliche Abbildung kostenfrei benutzen darf oder gaebe es da rechtliche Schwierigkeiten?
    Ich freue mich auf Ihre Antwort, und verbleibe mit freundlichen Gruessen, Karina Kaiser

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  5. Engel-Pollak Fred

    Also: Lieber reich im Heim als heim ins Reich.

    Das ist das beste was ich bisher zur ruhmreichen Saarabstimmung 1955 gehört habe, an der ich schon teilnehmen durfte und zu den Verlierern gehörte. Leider!

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